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Dörfliches wird Städtischer

Aus dem Stadtteillesebuch von Helmut Dachale und Ulli Schwecke "In der Mitte von Bremen, Burg-Grambke gestern und heute / 1985

Dörfliches wird Städtischer

Grambkermoor zählte zu Anfang des 20 Jahrhunderts nicht zu den reichsten Dörfern im Bremer Umland. Die meisten Bauern waren Kötner, die nicht mehr als 36 Morgen Land besaßen. Das Wort Kötner ist abgeleitet von Kate¸ was kleines Wohnhaus bedeutet.
Viele dieser Bauernhöfe in Grambkermoor und auch in Grambke waren aus Meier-Anwesen, also aus abhängigen Verhältnissen im Mittelalter hervorgegangen. Im Mittelalter war es üblich, dass die Grundherrschaft – der Adel, die Kirche und auch die Stadt Bremen – Land und Gebäude gegen Abgaben einem Verwalter, dem Meier überließ. In späterer Zeit wurden Zeit- oder Erbpacht eingeführt, so dass Meierhöfe über Generationen in Familienbesitz blieben. Das bis in die 50er Jahre des 20 Jahrhunderts bewirtschaftete und weit über Grambkermoor hinaus bekannte Haesloopsche Anwesen lässt sich auf ((Meier-Verhältnisse)) bis zum Jahr 1658 zurückverfolgen.
1902 hatte Grambkermoor 197 Einwohner, 1892 waren immerhin 11 landwirtschaftliche Betriebe aufgeführt. Der Viehbestand 1900 war:

19 Pferde, 146 Stück Rindvieh, 63 Schweine, 29 Ziegen und 271 Stück Federvieh.


Man betrieb Viehzucht weil Anbau von Getreide und Kartoffeln nur in geringem Umfang möglich war. Anfang 1900 bedeckte noch Sumpf, wildes Gebüsch und Heide weite Strecken der Feldmark. Diese erstreckte sich über 190 ha, 1/6 war Ackerland, 2/3 Wiesen und Weiden.

Die Endstation der Strassenbahn Linie 8 an der Burger Brücke wurde 1903 an die Landesgrenze verlegt – also an die Burger Brücke. Das brachte neue Geschäftsmöglichkeiten z. B. für den Haesloopschen Hof. Die Leute stiegen in Burg aus und gingen nach Wasserhorst über den Deich oder über die Grambkermoorer Landstrasse. Diese war damals noch ein Sandpfad. Es war ein herrlicher Spaziergang. Was lag da näher, als eine Gaststätte zu gründen, so z.B. Haesloops Landhaus an der Grambkermoorer Landstrasse 26 – heute BURGER TENNE.

Auch die Vereine und Schulen besuchten das Lokal. Im Winter kamen die Schlittschuhläufer zum Grogtrinken. Es war ja alles überflutet und die Eisfläche ging runter bis zum Sommergarten. Unten standen Bänke, wo sie die Schlittschuhe abschnallen konnten, und ein Orgeldreher stand da, der nahm sie da in Empfang.

An den Sommerabenden saß die Familie Haesloop vorm Haus und genossen ihren Feierabend. Da kamen dann die Bauern von nebenan und holten sich mit Kannen das Bier für ihre Leute. Damit es auch ordentlich kalt war, kamen noch ein paar Klümpchen Eis mit rein. Wenn es heiß war, brachten sie ihre Sahnepötte und stellten sie bei Haesloops in die Eiskiste. Es war eine gute Nachbarschaft.

Natürlich musste auch landwirtschaftlich hart gearbeitet werden. 10 – 12 Kühe mussten gemolken werden, da musste man natürlich früh aufstehen, im Winter um 6, im Sommer um 5 Uhr. Erst wenn die Tiere versorgt waren, wurde gefrühstückt. Danach gingen die Männer auf’s Feld, die Frauen machten den Haushalt. Natürlich waren auch Mägde da und auch Töchter von anderen Höfen, die auf dem Haesloopschen Hof die Hauswirtschaft erlernen sollten. Sie haben damals in der Gastwirtschaft gearbeitet und abends auch das Melken übernommen.

Mittags saß man gemeinsam am Esstisch, es gab keine Unterschiede. Man aß alles aus einer Schale oder einer Bratkartoffelpfanne, jeder hatte seinen Teil und seine Ecke. Die Porzellangeschäfte konnten zu der Zeit mit den Landwirten kein großes Geschäft machen.

Da das ruhige Dorf Grambke/Grambkermoor von den Bremern als Naherholungsgebiet entdeckt wurde, gab es natürlich findige Grambkermoorer, die den Besuchern etwas Milch, ein Butterbrot oder ein Glas Bier zur Erfrischung anboten – natürlich gegen Bezahlung. So entstanden dann die ersten Sommergärten und Restaurants, neben dem schon erwähnten Haesloops Landhaus auch die Wilhelmshöhe am Geestkamp sowie Benndorf’s Cafe an der Grambkermoorer Landstrasse.

Zwar war bereits seit 1862 die Eisenbahnlinie nach Bremerhaven und Vegesack durch die Grambker Wiesen gelegt worden, der erste Bahnhof hinter Bremen war Burg und im Jahre 1864 wurde die vielbestaunte und wichtige Entwässerungsanstalt eingeweiht (diese kostete damals 220.000 Reichstaler, eine horrende Summe für damalige Verhältnisse), aber erst nach 1910 stellte sich ein grundsätzlicher Wandel in der Bevölkerungsstruktur ein. Wohlhabende Bremer Bürger und Menschen, die das Wohnen im Grünen bevorzugten – Lehrer, Ingenieure, Beamte und Kaufleute – siedelten sich an. Aber weitaus wesentlichere Veränderungen brachte die 1908 angesiedelte Norddeutsche Hütte mit 2 Hochöfen. Grambkemoor und Grambke hatten plötzlich die Industrie direkt vor ihrer Haustür.

Die „Stuhlrohrfabrik Carl Frese & Co. ((Bremen-Burg“)) wurde 1906 gegründet. Am Gründungskapital war die Londoner Firma Brinkmann beteiligt. Frese erwarb für rund 26.000 Mark einen 13 Morgen umfassenden Landstreifen, der von der Grambker Heerstraße bis über die Bahnlinie hinaus reichte. Später verkaufte er den vorderen Teil zwischen Bahn und Heerstraße an die Gemeinde, 1910 wurde die Straße AM GEESTKAMP angelegt und Häuser gebaut. Diese wurden von kleinen Handwerkern und den Arbeitern der Stuhlrohrfabrik bezogen.

Schon sehr bald erreichte die Beschäftigtenzahl 200, in Hochkonjunkturzeiten über 400. Die Rohware kam von Singapur und Indonesien. In der Grönlandstraße wurden die Rohre nach Länge, Dicke und Qualität sortiert, geschnitten und gebleicht. Das so aufgearbeitete Rohr wurde in alle Welt exportiert, das Geschäft lief gut. Dann kam aber der I. Weltkrieg und damit die erste Krise. Die Lieferungen aus Übersee blieben natürlich aus. Um die Produktion weiterführen zu können, wurden Geschützkörbe fürs Heer hergestellt.

Die nächste Krise ließ aber nicht lange auf sich warten. Diese kam mit der Weltwirtschaftskrise. Der englische Teilhaber bewahrte die Stuhlfabrik vor dem Zusammenbruch, indem sie neues Kapital zur Verfügung stellte. Man gründete eine gemeinsame Filiale in Singapur, um sich die Importe des Rohres langfristig zu sichern. Aber 1939 kam das endgültige Aus. Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges war keine Hilfe mehr möglich, die Stuhlrohrfabrik musste schließen.

 

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