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Einwohner wehren sich gegen Deichbau

Bremen-Nord- 16.08.2012

Einwohner wehren sich gegen Deichbau


Von Patricia Brandt

Niederbüren. Seit die Pläne des Deichverbands bekannt geworden sind, befindet sich Niederbüren in Aufruhr. In den kommenden Jahren will der Verband rund 5000 Ladungen Bodenaushub mit Lastern nach Niederbüren im Werderland karren, um den Deich zu verstärken. Die Bewohner der zehn Häuser haben angefangen, sich dagegen zu wehren: "Wir sind nur ein sehr kleines Dorf – helfen Sie uns, nicht einfach überrollt zu werden", schreiben sie im Internet.

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  • Setzen sich für eine umweltgerechte Deicherhöhung ein (von links): Almut Wolf, Jörg Tannert, Stefan Haake und Cord Ingendahl an der alten Spundwand.
  • © Fotos: Sonja Sancken

Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Bremischen Deichverbandes am rechten Weserufer, spricht gern vom "Schwerpunktprojekt für den zukünftigen Deichbau", wenn es um die Verstärkung des Deiches an der Strecke Richtung Moorloser Kirche geht. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Deichlinie nicht stabil ist. Nach dem Generalplan Küstenschutz soll die alte Spundwand deshalb entfernt und der Deich auf 7,70 Meter über Normalnull gebracht werden. Das Planfeststellungsverfahren der Behörden beginne noch in diesem Jahr, kündigt Döscher an.

Die Straße am Deich im Werderland ist eine beliebte Strecke für Ausflügler.

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Die Menschen hinterm Deich haben nichts gegen eine Deicherhöhung einzuwenden. Sie sind, im Gegenteil, sogar froh, wenn die unansehnliche Spundwand aus ihrer Postkartenidylle mit Fachwerkhäusern und Sonnenblumen am Gartenzaun verschwindet. Nur: "Die Deicherhöhung muss verträglich sein", sagt Almut Wolf. Die gebürtige Niederbürenerin hat sich wie alle ihre Nachbarn der neuen Initiative für umweltgerechten Deichbau angeschlossen. Denn verträglich ist es für sie eben nicht, wenn ihr Sträßchen, wie die Niederbürener die schmale Holperstrecke zwischen Häusern und Deich liebevoll nennen, demnächst vom Schwerlastverkehr verstopft wird. 120.000 Kubikmeter Erdreich sollen laut Deichverband herangeschafft werden. 5000 Laster-Fahrten sollen dafür notwendig sein.

Einwohner befürchten Schwerlastverkehr


"Wir fühlen uns wegen des Verkehrs alle vor den Kopf gestoßen", sagt Nebenerwerbslandwirt Stefan Haake. Tierarzt Jörg Tannert führt aus: "Mindestens zwei Jahre lang werden von Morgengrauen bis Sonnenuntergang unablässig schwere Fahrzeuge durch unser Dorf brettern." Tannert fürchtet, dass durch die Erschütterungen auch die Häuser Schaden nehmen könnten. Tannerts Hofstelle beispielsweise geht nach seinen Worten auf das Jahr 1540 zurück. Sein Haus sei auf Findlingen gegründet. Er fürchtet: "Das fängt alles an zu rutschen."

Mitglieder der Dorfgemeinschaft stehen an diesem Abend zusammen auf ihrem Sträßchen. In Abständen müssen sie Platz machen für vorbeiradelnde Ausflügler. Der Weg an der Lesum und der Weser zur Moorlosen Kirche ist eine beliebte Ausflugsstrecke am Rande des Naturschutzgebietes. Tannert zeigt auf die Wiesen mit den Pappeln am Wasser. Die sollen nach den bisherigen Plänen gefällt werden, weil der Deichverband die Schwerlaster auf einer Baustraße auf der ortsabgewandten Seite des Deichs führen will. Zur Entlastung der Anlieger und weil Gegenverkehr auf der Deichstraße schlecht möglich ist, wie Almut Wolf sagt. "Es wäre auch für die Allgemeinheit schade, wenn dem Deichbau der Charme unserer Dörfer zum Opfer fiele und wir am Ende auf eine Deichwüste schauten", so Tannert.

Die Initiative hat dem Verband kürzlich eigene Lösungsvorschläge unterbreitet. Die Mitglieder schlagen vor, den Sand per Schiff oder Kleinbahn bringen zu lassen. Eventuell könnten dazu Gleisstrecken der Stahlwerke genutzt werden, so die Mitstreiter. Beides lehnt Verbandsführer Döscher jedoch ab. Weder ein Transport per Kleinbahn noch per Schiff ließe sich technisch oder wirtschaftlich darstellen. Der Verband favorisiere deshalb weiterhin den Transport des Bodens per Lkw. "Ich habe großes Verständnis für die Leute", sagt Döscher. Deshalb versuche der Verband möglichst viele Fahrten in der Ortschaft zu vermeiden. 80 Prozent des Baustellen-Verkehrs soll über eine Baustraße auf der Wasserseite geführt werden. Einige Ladungen Erde könnten über das Stahlwerke-Gelände gebracht oder direkt aus den angrenzenden Wiesen gewonnen werden, so Döscher. Aber mehr ließe sich eben nicht machen.

Wie ein gallisches Dorf


Die Niederbürener wollen sich nicht so bald geschlagen geben. "Wir sind ein gallisches Dorf", sagt Tierarzt Tannert. Er meint es als Scherz. Zur Unterstützung haben sich die Niederbürener dennoch vorsorglich ihre Nachbarn ins Boot geholt. Die Lesumbroker, deren Deichabschnitt entlang der Lesumbroker Landstraße ebenfalls verstärkt werden soll. Der Abschnitt ist laut Verband noch nicht soweit geplant, dass vorzeigbare Überlegungen existierten.

"Wir wissen noch so gut wie nichts", moniert denn auch Cord Ingendahl, Initiativenmitglied und Rechtsanwalt aus Lesumbrok. Dabei sei sein Haus in den Deich hineingebaut. "Ich habe schon richtig Angst, dass man die Hütte hinterher zusammenfegen kann." Die Deichbewohner sorgen sich, dass später kein Geld da sein wird, um notwendige Reparaturen zu bezahlen.

Unterstützung hat die Initiative auch bei Jens Böhrnsen (SPD) eingefordert. Der Bürgermeister, der selbst hinterm Lesumdeich wohnt, wolle die Initiative bei allen Planungen einbinden, sagt Senatssprecher Hermann Kleen. Böhrnsen habe der Initiative aber verdeutlicht, dass Hochwasserschutz vorgeht. Kleen formuliert es so: "Die Niederbürener wären die ersten, die ohne Deich bei einer Sturmflut weg wären."

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